AKTIVE ARBEITSFÖRDERUNG

Die aktiven arbeitsmarktpolitischen Leistungen werden bezüglich der Organisation und der Finanzierung getrennt erbracht. Gleichwohl können die Agenturen für Arbeit (SGB III) und die Träger der Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II) auf zahlreiche arbeitsmarktpolitische Instrumente gemeinsam zurückgreifen. Dazu enthält das Zweite Buch Sozialgesetzbuch für Leistungen zur Eingliederung in Arbeit im § 16 SGB II einen Rechtsverweis auf die Instrumente des SGB III, die die Grundsicherungsträger für ihre sogenannten Kunden erbringen können.  Hingegen werden bestimmte Instrumente wie die Berufsausbildungsbeihilfe ausschließlich durch die Arbeitsförderung (SGB III) geleistet. Ebenso stehen die Instrumente der §§ 16a bis 16e SGB II lediglich für die erwerbsfähigen Leistungsberechtigten nach SGB II zur Verfügung.

I. ARBEITSVERMITTLUNG

Integrationskonzept der Bundesagentur für Arbeit

Laut der Bundesagentur für Arbeit beschreibt das Integrationskonzept "das rechtskreisübergreifende Geschäftsmodell für die Integrationsprozesse in den Agenturen und den Jobcentern mit der Zielstellung,


a) den gesetzlichen Auftrag und die darauf aufbauende geschäftspolitische Zielerreichung in den Rechtskreisen SGB II und SGB III zu unterstützen und rechtskreisimmanente Fehlsteuerungsanreize zu vermeiden,


b) den Führungskräften sowie den Vermittlungs- und Beratungsfachkräften ein Geschäftsprozessmodell zur Verfügung zu stellen, das eine systematische, qualitativ hochwertige und wirtschaftliche Aufgabenerledigung im Sinne der Zielerreichung und der Rechtmäßigkeit des Handelns sicherstellt sowie eine effektive fachliche Führung über erhöhte Transparenz und verbesserte operative Steuerbarkeit ermöglicht,


c) für die Bürger ein professionelles und kundenorientiertes Dienstleistungsangebot zur Verfügung zu stellen, das deren individuelle Problemlage aufgreift und einer Lösung zuführt" (BA 2012: 4).

Das Integrationskonzept definiert einen Mindeststandard bzw. Mindestanforderungen, in deren Rahmen die Konkretisierung der dezentralen Arbeitsmarktpolitik erfolgt. Für die individualisierte, fallbezogene Arbeitsmarktpolitik soll das Integrationskonzept einen Ausgangspunkt und eine Anleitung bieten, um entlang der "zentral bereitgestellten Leitplanken" (BA 2012: 4) die arbeitsmarktpolitischen Ziele zu erreichen.

 

Das Leitkonzept regelt und konkretisiert die folgenden Elemente des Integrationskonzepts:

  • 4-Phasen-Modell der Integrationsarbeit
  • Schnittstellen des 4-Phasen-Modells
  • Produktkatalog für das 4-Phasen-Modell
  • Empfehlungen zum Produkteinsatz und zur Kontaktdichte
  • Fachliche Führung
  • Beratungsmethodik und Fachkunde (vgl. BA 2012: 4-7).
Quelle: BA/Knorr (2009): 6
Quelle: BA/Knorr (2009): 6

4-Phasen-Modell der Integrationsarbeit

Das 4-Phasen-Modell der Integrationsarbeit findet für alle Arbeitsuchende der Rechtskreise SGB III und SGB II Anwendung, für die eine integrationsbegleitende Beratung und Vermittlung geleistet wird. Dem systematischen 4-Phasen-Modell liegt ein sich wiederholender Prozess zugrunde, der dem Ziel dient, Arbeitslosen, Arbeitsuchenden und erwerbsfähigen Leistungsberechtigten eine zielorientierte Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen und die aus Beitrags- und Steuermitteln zu finanzierenden passiven Leistungen zu reduzieren (vgl. BA 2012: 8-9). Dabei gliedert sich das Modell in folgende vier Phasen:

Erste Phase: Profiling

Unter dem Profiling ist eine computergestützte Stärken-Schwächen-Analyse zu verstehen, die vermittlungshemmende und vermittlungsfördernde berufliche und persönliche Merkmale des Arbeitsuchenden erfasst, um eine Chancenprognose für die Arbeitsmarktintegration vorzunehmen, eine zielgerichtete und zweckmäßige Vermittlungsstrategie zu entwerfen und schließlich die Personal- und Förderressourcen zu steuern (vgl. Castellucci 2008: 49; BA 2003: 88). Durch das Profiling wird die Arbeitsmarktpolitik stärker individualisiert, sodass sich die Arbeitsvermittlung intensiver an den Defiziten bzw. Bedarfen der Arbeitsuchenden orientiert. Berkel und Møller Hornemann sehen in der international zunehmend verbreiteten Methode einen sinnvollen, kundenzentrierten Ansatz:


[I]ndividualisation in approaching and dealing with the target groups of social policy, and differentiation of the instruments, measures and programmes that are available to stimulate participation and to increase the ‘employability’ of the unemployed. (…) This development of tailor-making the delivery of activation is pursued even further in a form of individualization, in which we see the introduction of an individual, client-centred approach where clients’ needs and capabilities are the starting point of activation (…)” (Berkel/Møller Hornemann 2002: 65-66).

 

Die Agentur für Arbeit bzw. das Jobcenter erfasst somit in einem Erstgespräch (und ggf. in weiteren Gesprächen) die beruflichen und übergreifenden Kompetenzen sowie die Defizite, die einer Arbeitsmarktintegration im Wege stehen und an denen im Rahmen der Integrationsarbeit systematisch gearbeitet werden muss. Bei der Betrachtung des persönlichen Profils wird zwischen Schwächen bzw. sog. "vermittlungsrelevanten Handlungsbedarfen" unterschieden, die entweder in der Person des Arbeitsuchenden oder in seinem persönlichen Umfeld liegen:

  • Schlüsselgruppen bezogen auf die Person
  1. Qualifikation (z.B. Schulabschluss, Berufsausbildung, Berufserfahrung, Sprachkenntnisse)
  2. Leistungsfähigkeit (z.B. intellektuelle Leistungsfähigkeit, gesundheitliche Einschränkungen)
  3. Motivation (z.B. Eigeninitiative, Lernbereitschaft)
  • Schlüsselgruppen bezogen auf das persönliche Umfeld
  1. Rahmenbedingungen (z.B. Mobilität, Wohnsituation, Betreuungsverhältnisse, finanzielle Situation)
  2. Arbeits-/Ausbildungsmarktbedingungen (vgl. BA 2012: 9-10).

 

Anhand der Schlüsselgruppen werden die Arbeitsuchenden als Ergebnis des Profilings im Rahmen einer Kundensegmentierung einer sog. Profillage zugeordnet. Die Profillagen orientierten sich grundsätzlich an den individuellen Problemlagen und der Wahrscheinlichkeit einer Integration in den ersten Arbeitsmarkt. Die Arbeitsuchenden werden dabei einer der insgesamt sechs Profillagen zugeordnet: Die sog. Markt-, Aktivierungs- und Förderprofile beschreiben integrationsnahe Profillagen; die sog. Entwicklungs-, Stabilisierungs- und Unterstützungsprofile beschreiben komplexe Profillagen:

Quelle: BA (2012): 12
Quelle: BA (2012): 12

1. Marktprofile 

  • keine vermittlungsrelevanten Handlungsbedarfe in den Schlüsselgruppen
  • i.d.R. eine Integrationswahrscheinlichkeit in den ersten Arbeitsmarkt von bis zu sechs Monaten 

2. Aktivierungsprofile

  • vermittlungsrelevante Handlungsbedarfe in der Schlüsselgruppe „Motivation“
  • Integrationswahrscheinlichkeit in den ersten Arbeitsmarkt von bis zu sechs Monaten
  • Profile bedürfen primär der Aktivierung („Fordern“), ihre Qualifikation wird am Arbeitsmarkt prinzipiell nachgefragt, aber sie bewegen sich ggf. in einem für ihre Situation ungünstigen regionalen und/oder fachlichen Arbeitsmarkt
  • ggf. muss eine berufliche Alternative erarbeitet oder die Bereitschaft zur Mobilität/Flexibilität erhöht werden 

3. Förderprofile

  • vermittlungsrelevante Handlungsbedarfe in einer der drei Schlüsselgruppen „Qualifikation“, „Leistungsfähigkeit“ oder „Rahmenbedingungen“ (alle drei Schlüsselgruppen betreffen den Bereich „Fördern“)
  • Integrationswahrscheinlichkeit in den ersten Arbeitsmarkt von bis zu zwölf Monaten
  • Übersteigt die Integrationsprognose allein deshalb zwölf Monate, weil der Kunde eine Weiterbildungsmaßnahme von mehr als neun Monaten durchlaufen soll, ist der Fall dem Förderprofil zuzuordnen

4. Entwicklungsprofile

  • Schwerpunkt vermittlungsrelevanter Handlungsbedarfe in einer der drei Förder-Schlüsselgruppen „Qualifikation“, „Leistungsfähigkeit“ oder „Rahmenbedingungen“ sowie zusätzlich in mindestens einer weiteren Dimension (bzw. Verdichtung im Schwerpunkt)
  • Integrationswahrscheinlichkeit in den ersten Arbeitsmarkt von mehr als zwölf Monaten

5. Stabilisierungsprofile 

  • Schwerpunkt vermittlungsrelevanter Handlungsbedarfe in der Dimension „Leistungsfähigkeit“ sowie zusätzlich in mindestens zwei weiteren Schlüsselgruppen (bzw. Verdichtung im Schwerpunkt)
  • Integrationswahrscheinlichkeit in den ersten Arbeitsmarkt bis zu zwölf Monaten 

6. Unterstützungsprofile 

  • Schwerpunkt vermittlungsrelevanter Handlungsbedarfe in der Dimension „Rahmenbedingungen“ sowie zusätzlich in mindestens zwei weiteren Schlüsselgruppen (bzw. Verdichtung im Schwerpunkt Rahmenbedingungen)
  • Integrationswahrscheinlichkeit in den ersten Arbeitsmarkt von mehr als zwölf Monaten
(vgl. BA 2012: 11-12).

Zweite Phase: Festlegung des Ziels

Auf der Grundlage des durchgeführten Profiling vereinbart die Agentur für Arbeit bzw. das Jobcenter mit dem Arbeitsuchenden im folgenden Schritt eine erreichbare Zieloption entsprechend der vorhandenen realistischen Alternativen. Die Festlegung des Ziels soll dabei im Zusammenspiel mit der Festlegung der vermittlungsrelevanten Handlungsbedarfe erfolgen. Als Zieloptionen sind vorgesehen:

  • Aufnahme einer Beschäftigung im ersten Arbeitsmarkt
  • Aufnahme einer Tätigkeit jenseits des ersten Arbeitsmarktes
  • Aufnahme einer Ausbildung bzw. eines Studiums
  • Stabilisierung einer bestehenden Beschäftigung / Selbstständigkeit (vgl. BA 2012: 14-15).

Dritte Phase: Auswahl der Strategie

Im nächsten Schritt erfolgt auf der Basis des Profiling und der Zielfestlegung die Vereinbarung des konkreten Umsetzungswegs zwischen der Agentur für Arbeit bzw. dem Jobcenter einerseits und dem Arbeitsuchenden andererseits. Mit und für den Arbeitsuchenden wird ein individueller Integrationsplan erarbeitet, der sich aus einer oder mehreren Handlungsstrategien zusammensetzen kann. Dabei ist handlungsleitend, dass jeder festgestellte vermittlungsrelevante Handlungsbedarf notwendigerweise auch zu einer Aufnahme einer Handlungsstrategie führt, die dem Abbau des spezifischen Hemmnisses gilt. Somit entscheidet der individuelle Handlungsbedarf des Arbeitsuchenden über Art und Umfang seiner persönlichen Umsetzungsstrategie. Gleichwohl gilt prinzipiell, dass eine passgenaue Vermittlung in Arbeit Vorrang vor der Durchführung einer Handlungsstrategie hat (vgl. BA 2012: 16-19).

Vierte Phase: Abschluss der Eingliederungsvereinbarung und Umsetzung

Mit dem Abschluss einer sog. Eingliederungsvereinbarung zwischen der Agentur für Arbeit bzw. dem Jobcenter und dem Arbeitsuchenden beginnt die Umsetzung des besprochenen individuellen Integrationsplans. Eine Eingliederungsvereinbarung wird i.d.R. für einen Zeitraum von sechs Monaten abgeschlossen und beinhaltet die Leistungen bzw. Aktivitäten beider Seiten. Spätestens nach sechs Monaten wird die Eingliederungsvereinbarung aktualisiert bzw. fortgeschrieben.

 

Für die ergebnisorientierte Umsetzung der vereinbarten Handlungsstrategie ist das Folgegespräch von besonderer Relevanz. Dazu umfasst das Folgegespräch mindestens den Abgleich der Eingliederungsvereinbarung mit der tatsächlich vollzogenen Umsetzung, die Überprüfung des Profilings, der vereinbarten Ziele und der Strategieauswahl, die Besprechung der konkreten Bewerbungsaktivitäten des Arbeitsuchenden sowie die Vereinbarung für die nächsten Schritte und die Terminierung des nächsten Folgegesprächs (vgl. BA 2012: 20-24).

Schnittstellen des 4-Phasen-Modells

Das 4-Phasen-Modell der Integrationsarbeit erfolgt nicht isoliert, sondern erfolgt immer in einer Zusammenarbeit mit relevanten Schnittstellenpartnern. Im Fokus der Schnittstellen in der Vermittlungs- und Integrationsarbeit steht der Austausch über vermittlungs- und beratungsrelevante Informationen und Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt sowie ein gemeinsames Verständnis zur Daten- und Vermittlungsqualität. Für die Festlegung zu den Schnittstellen werden die Besonderheiten vor Ort berücksichtigt.

 

Die Bundesagentur für Arbeit weist folgende Schnittstellen des Integrationskonzeptes aus:

  • Übergabemanagement/Rechtskreiswechsel SGB III/II
  • Arbeitgeber-Service (AG-S)
  • Ärztlicher Dienst (ÄD)
  • Psychologischer Dienst (PD), jetzt Berufspsychologischer Service (BPS)
  • Technischer Beratungsdienst (TBD)
  • Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV)

(vgl. BA 2012: 6, 25-31).

II. ARBEITSMARKTPOLITISCHE FÖRDERINSTRUMENTE

Im Rahmen des Integrations- und Vermittlungsprozesses können unterschiedliche arbeitsmarktpolitische Förderinstrumente eingesetzt werden, um den Arbeitslosen ("Kunden") passgenau zu fördern und mit Hilfe des Förderinstruments die Arbeitsmarktchancen mit den Ziel der Arbeitsmarktintegration zu steigern. Zu den wichtigsten Förderinstrumenten zählen:

  • Vermittlungsbudget; z.B. Übernahme von Bewerbungskosten
  • Förderung der beruflichen Weiterbildung
  • Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein
  • Eingliederungszuschuss
  • Maßnahme bei einem Träger; z.B. Bewerbungstraining
  • Maßnahme bei einem Arbeitgeber; z.B. Probearbeiten, betriebliche Erprobung
  • Arbeitsgelegenheit (öffentlich geförderte Beschäftigung, SGB II)
  • Freie Förderung (SGB II)
  • kommunale sozialintegrative Leistungen (SGB II); z.B. Schuldenberatung

Quellen:

Berkel, Rick van/Møller Hornemann, Iver (2002): The concept of activation, in: Dies. (Hrsg.): Active

Social Policies in the EU. Inclusion through participation?, Bristol, S. 45-71.

Bundesagentur für Arbeit (2012): Das arbeitnehmerorientierte Integrationskonzept der Bundesagentur

für Arbeit (SGB II und SGB III), Nürnberg.

Bundesagentur für Arbeit/Knorr, Rudolf (2009): Die neue Steuerung des Eingliederungsprozesses im

SGB II und SGB III - Einführungsmotive, Prozessmodell, EDV-Unterstützung -, o.O.

Bundesanstalt für Arbeit (2003): Amtliche Nachrichten der Bundesanstalt für Arbeit. Arbeitsmarkt 2002,

Nürnberg.    

Castellucci, Lars (2008): Inklusion und Arbeitsmarkt. Schaffen Netzwerke neue Perspektiven für

Benachteiligte?, Dissertation zur Erlangung eines Grades des Doktors der Philosophie an der Technischen Universität Darmstadt, Darmstadt.

Sozialgesetzbuch III – Arbeitsförderung [Internetquelle].

Sozialgesetzbuch II - Grundsicherung für Arbeitsuchende [Internetquelle].