SOZIALE EXKLUSION

Das Konzept der sozialen Exklusion diagnostiziert als einen Ansatz der Armutsforschung eine neuartige Spaltung der Gesellschaft in eine integrierte Mehrheitsgesellschaft sowie eine ausgegrenzte Minderheitsgesellschaft und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Mechanismen und Prozesse der sozialen Desintegration, die zu einem Verlust der gesellschaftlichen Teilhabe führen (vgl. Groh-Samberg 2009: 80f.).

 

Im Folgenden wird das Konzept der sozialen Exklusion von Martin Kronauer, Soziologe und Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Recht, skizziert.

Konzept der sozialen Exklusion

Nach Kronauer beschreibt die soziale Exklusion das „Problem der Teilhabe an (bzw. des Ausschlusses von) den gesellschaftlich realisierten Möglichkeiten des Lebensstandards, der politischen Einflussnahme und der sozialen Anerkennung“ (Kronauer 2010a: 13). Inklusion und Exklusion bzw. gesellschaftliche Zugehörigkeit und Teilhabe werden nach Kronauer vorrangig durch drei zentrale Integrationsinstanzen bestimmt: vom Markt, insbesondere dem Arbeitsmarkt, vom Staat, insbesondere dem Wohlfahrtsstaat sowie von soziale Nahbeziehungen.

Arbeit als inklusionsvermittelnde Instanz

Die gesellschaftliche Zugehörigkeit wird zunächst durch den Grad und die Qualität der Erwerbsbeteiligung bestimmt. Durch die Erwerbsarbeit und andere gesellschaftlich anerkannte Arbeiten werden die Menschen in soziale Wechselbeziehungen eingebunden, die durch gesellschaftliche Arbeitsteilung gestiftet werden. Die wechselseitige Abhängigkeit in und durch Erwerbsarbeit bildet zudem in unserer Gesellschaft eine wesentliche Voraussetzung für eine soziale Anerkennung, sei es in der Arbeit selbst oder durch den Verdienst (Kronauer 2010b: 30f.).

 

Bezogenen auf die Erwerbsarbeit und gesellschaftliche Arbeitsteilung bedeutet demnach Ausgrenzung, am Arbeitsmarkt und in der Beschäftigung in eine marginale Position gedrängt zu werden, die sich bis zum dauerhaften, völligen Ausschluss aus der Erwerbsarbeit zuspitzen kann – ohne jedoch in eine gesellschaftlich anerkannte Lebensform und Tätigkeit jenseits der Erwerbsarbeit (wie die Rente) ausweichen zu können (vgl. Kronauer 2008: 5).

Die Interdependenz durch (Erwerbs-)Arbeit, d.h. die Einbindung in die wechselseitigen Bezüge der sozialen Arbeitsteilung, bleibt für absehbare Zeit neben den sozialen Bürgerrechten die wichtigste Quelle der gesellschaftlichen Zugehörigkeit (vgl. Kronauer 2008: 3).

Soziale Bürgerrechte als inklusionsvermittelnde Instanz

Die gesellschaftliche Zugehörigkeit wird weiterhin durch die Qualität der Teilhabe in unterschiedlichen Lebensbereichen auf der Grundlage sozialer Bürgerrechte neben den persönlichen und politischen Rechten konstituiert. Um als Bürger am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, bedarf es nach Kronauer einer materiellen Teilhabe, d.h. eines Mindestmaßes an materieller Absicherung, die eine Erwerbsarbeit nicht garantieren kann. Bürgern soll ein angemessenes, dem allgemeinen gesellschaftlichen Wohlstand entsprechendes Lebensniveau gewährleistet werden. In diesem Zusammenhang bedarf es für eine kulturelle Teilhabe eines Lebensstandards, der es erlaubt, kulturell vorgegebenen Erwartungen zu genügen („mithalten zu können“) und das eigene Leben zu gestalten. Aus Sicht des Staates, insbesondere des Wohlfahrtsstaates, kommt der institutionellen Teilhabe große Bedeutung zu. Soziale Rechte sollen den Individuen als Bürgern, unabhängig von Herkunft und Einkommen, gleichen Zugang zu den Institutionen vermitteln, die Lebenschancen entscheidend beeinflussen – zum Beispiel den Institutionen der Bildung, des Gesundheitswesens oder der sozialen Sicherung (vgl. Kronauer 2008: 3; Kronauer 2010b: 29).

 

Im Hinblick auf die sozialen Bürgerrechte kann Ausgrenzung in der Verweigerung von Rechten und dem Ausschluss von institutioneller Unterstützung bestehen. In hoch entwickelten Gesellschaften drückt sich die Ausgrenzung weniger in einer umfassenden Rechtlosigkeit als vielmehr darin, dass soziale Rechte ihre inkludierende Substanz verlieren (vgl. Kronauer 2008: 6). So verweist Kronauer auf die Möglichkeit der Ausgrenzung bei einer gleichzeitigen rechtlichen Zugehörigkeit, die er als paradoxe Gleichzeitigkeit des „Drinnen“ und „Draußen“ bezeichnet. Sie führt dazu, dass Ausgrenzung nicht als Ausgrenzung aus der Gesellschaft, sondern in der Gesellschaft begriffen werden muss. Die Inklusion und Exklusion bemessen sich nicht allein an der formalen Einbeziehung in die Institutionen, sondern auch an der sozial-materiellen Qualität der möglichen Teilhabe, die durch die Institutionen vermittelt wird. Es kommt auf die Ausgestaltung der sozialen Rechte und die Praxis in den Institutionen an (vgl. Kronauer 2010b: 43-46). Soziale Rechte verlieren an Substanz, wenn die durch die sozialen Rechte vermittelten Ansprüche und Leistungen an Bedingungen geknüpft sind oder es nicht erlauben, ein den kulturell vorgegebenen Möglichkeiten und Erwartungen entsprechend Leben zu führen und zu planen (vgl. Kronauer 2008: 6). Sozialen Rechten kommt somit eine grundlegende Bedeutung als Vermittler von gesellschaftlicher Partizipation zu (vgl. Kronauer 2010b: 29).

Soziale Nahbeziehungen als inklusionsvermittelnde Instanz

Schließlich sind die sozialen Nahbeziehungen die dritte Quelle der gesellschaftlichen Zugehörigkeit. Durch die Einbindung in familiäre und freundschaftliche Nahbeziehungen entsteht eine soziale Wechselseitigkeit einer informellen Reziprozität. Das Geben und Nehmen wird hier nicht nach einem gleichwertigen Tausch oder einem Preis bemessen, sondern nach den Maßstäben von Loyalität und Solidarität (vgl. Kronauer 2008: 4). Mit dem Ausbau der Wohlfahrtsstaaten und relativer Vollbeschäftigung ging das Gewicht der Familien für die soziale Absicherung zurück, während sich die Handlungsspielräume für die Individuen erweiterten. Damit nahmen jedoch auch die Risiken zu, wenn Markt und Staat in ihren Leistungen einmal versagten (vgl. Kronauer 2007: 5).

 

Bezogenen auf die Reziprozität sozialer Nahbeziehungen meint Ausgrenzung den Verlust unterstützender sozialer Netze bis hin zur sozialen Isolation. Dabei kann soziale Isolation eine Einschränkung der sozialen Kontakte im Wesentlichen auf Menschen in gleicher oder ähnlich benachteiligter Lage bedeuten, sich aber auch bis zur Vereinzelung verschärfen (vgl. Kronauer 2010b: 46).

Mehrdimensionalität und Prozesscharakter des Exklusionsbegriffs

Die drei Integrationsinstanzen ermöglichen auf je besondere und eigene Weise Teilhabe und Zugehörigkeit, sodass sie einander nicht ersetzen können. Gleichzeitig stehen sie in enger Beziehung zueinander: So sichert der Sozialstaat kollektive Rechte ab, die auf Erwerbsarbeit beruhen. Seinerseits ist er auf Steuern und Abgaben aus Erwerbsarbeit angewiesen, während die Zusammensetzung und die Reichweite sozialer Nahbeziehungen in erheblichem Maße vom Erwerbsstatus beeinflusst werden (vgl. Kronauer 2010b: 31).

 

Der Begriff „Exklusion“ muss somit mehrdimensional verstanden werden. Die Mehrdimensionalität bedeutet nicht, dass Exklusionsprozesse in allen Dimensionen auftreten, in denen Inklusion vermittelt wird. Gleichwohl können Ausgrenzungsprozesse durch Ereignisse in einer Inklusionsdimension angestoßen werden – etwa durch Arbeitslosigkeit, durch Veränderungen in den familiären Beziehungen wie eine Scheidung oder durch eine behördliche Entscheidung. Exklusionsprozesse haben dabeidie Tendenz, die verschiedenen Dimensionen zu übergreifen, von einer zur anderen überzuspringen, zu kumulieren und sich somit wechselseitig zu verstärken (vgl. Kronauer 2010b: 47, 51). Als Bespiel kann die sozialstaatliche Sicherung im Falle der Arbeitslosigkeit gelten: Die deutsche Arbeitslosenversicherung entschärft zwar die Arbeitsmarktrisiken mit dem Arbeitslosengeld als Leistung, die grundsätzlich an der Sicherung des Lebensstandards ausgerichtet ist. Hält die Arbeitslosigkeit jedoch an und drohen damit die Langzeitarbeitslosigkeit und Ausgrenzung am Arbeitsmarkt, sinkt ebenfalls die finanzielle Unterstützung durch den Wechsel in die Grundsicherung für Arbeitsuchende nach SGB II auf das soziokulturelle Existenzminimum deutlich ab.  Somit fühlt ein blockierter Arbeitsmarkt zu einer Verbindung von zwei Ausgrenzungsformen – von der Ausgrenzung aus den Wechselseitigkeiten der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und dem langfristigen Verlust materieller Teilhabemöglichkeiten (vgl. Kronauer 2010b: 50).

 

Umgekehrt müssen die Inklusionsprobleme in einer Dimension jedoch nicht zwangsläufig zur völligen Exklusion führen. Aufgrund der relativen Eigenständigkeit der Dimensionen können kritische Ereignisse in einer Dimension durch die unterstützenden Bedingungen und Handlungen in den anderen entschärft oder kompensiert werden. Eine intakte Partnerschaft bietet zum Beispiel einen wichtigen Rückhalt im Fall der Arbeitslosigkeit; ein Schulabschluss kann möglicherweise nachgeholt werden (vgl. Kronauer 2010b: 50).

 

Mit der Mehrdimensionalität des Exklusionsbegriffes ist ebenso der Prozesscharakter des Exklusionsbegriffes verbunden. Exklusion sind bereits dem Wortsinn nach ebenso sehr Prozess- wie Zustandskategorien. Sie lenken den Blick darauf, wie es zu einer Verfestigung von Inklusionsproblemen in einer Dimension oder mehreren Dimensionen kommt. Damit verweisen sie zugleich den Blick zurück vom gesellschaftlichen „Rand“ ins gesellschaftliche „Zentrum“ (vgl. Kronauer 2007: 7). Exklusion als Prozess lenkt den Blick ebenso auf die Akteure und Institutionen, die ausgrenzen: „Unternehmenszentralen, die darüber entscheiden, welche Arbeitsplätze geschaffen und vernichtet werden; die Auswahlkriterien, Leistungsbemessungen und Zuteilungspraktiken sozialstaatlicher Institutionen; die Wirtschafts- und Sozialpolitik von Regierungen und transnationalen politischen Einheiten; die alltäglichen Diskriminierungen in sozialen Nahbeziehungen“ (Kronauer 2007: 7).


Quellen:

Groh-Samberg, Olaf (2009): Armut, soziale Ausgrenzung und Klassenstruktur. Zur Integration multidimensionaler und längsschnittlicher Perspektiven, Wiesbaden.

Kronauer, Martin (2007): Inklusion - Exklusion: ein Klärungsversuch. Vortrag auf dem 10. Forum Weiterbildung des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, Bonn.

Kronauer, Martin (2008): Impulsbeitrag: Zum Verhältnis von sozialer Ausgrenzung und Aktivierungspolitiken. Zwei Thesen, Workshop der Friedrich-Ebert-Stiftung „Soziale Ausgrenzung und Aktivierungspolitiken im internationalen Vergleich“, 3. November 2008, Berlin.

Kronauer, Martin (2010a): Exklusion. Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten Kapitalismus, Frankfurt am Main.

Kronauer, Martin (2010b): Inklusion – Exklusion. Eine historische und begriffliche Annäherung an die soziale Frage der Gegenwart, in: Ders. (Hrsg.): Inklusion und Weiterbildung. Reflexionen zur gesellschaftlichen Teilhabe in der Gegenwart, Bielefeld, S. 24-58.